Ein Versuch einer Antwort – Trying an answer

(The English version is below.)

Das Folgende entstand als Antwort auf einen Kommentar zu meinem letzten Blog-Artikel:

Ja, ich kenne dieses Brennen und Ziehen nur zu gut, empfinde es immer mal wieder, wenn meine doch so ernst gemeinten Bemühungen einen gemeinsamen Raum zu schaffen wieder einmal zum Scheitern verurteilt waren. Oder wenn ich sehe, wie Projekte, die mit so viel guten Ideen, Hoffnungen, Wünschen und Visionen und vor allem guten Absichten gestartet sind, zugrunde gehen oder bei weitem nicht das Potenzial entfalten, das in ihnen gesteckt hat… Oder wenn mein Partner mir wieder einmal sagt, dass er Abstand von mir braucht…

Gelb angestrichene Gruppen: Aus meiner Sicht gibt es keine gelben Gruppen, genauso wenig wie es grüne Gruppen oder orangene oder blaue gibt, und noch viel weniger als es gelbe Individuen gibt. Zum einen ist die gesamte integrale Landkarte eine grobe Verallgemeinerung, ein Blick von 10.000 Metern Höhe. Von daher taugt sie kaum, um Entwicklung bei einem einzelnen Menschen in kurzen Zeitabschnitten zu beschreiben. Was ich immer wieder erlebe: Development is a rather messy affair… Wenn wir wirklich so etwas bestimmen können wie einen Bewusstseinsschwerpunkt – und ich muss ehrlich sagen, dass ich daran zweifle – so heißt ein gelber Bewusstseinsschwerpunkt lediglich, dass wir alle Strukturen bis zu gelb in uns finden. Und es wird immer wieder Situationen geben, in denen diese Strukturen aktiviert werden, das ist völlig normal. Der Unterschied zu jemandem, der seinen Schwerpunkt auf der blauen Ebene hat, ist nur, dass wir immer mal wieder (meist nach dem Erleben) einen Schritt zurücktreten können und wahrnehmen können, was da passiert ist. Wir sind nicht mehr identifiziert damit, können uns selbst beobachten (und zum Objekt machen).

Und so wie ich das sehe: Wenn wir es nicht schaffen, all diese Aspekte in uns selbst und in anderen (als unsere Spiegelbilder) schätzen und lieben zu lernen, werden wir dort stecken bleiben, in einem endlosen Spiegelkabinett. Oder wie Krishnamurti sagte: „Beziehung ist der Spiegel, in dem wir uns selbst so sehen, wie wir sind.“ Und manchmal möchten wir da lieber den Spiegel zerdeppern… Und Gruppen mit oder ohne gelben Anstrich, real oder virtuell, bieten uns da ein wunderbares Übungsfeld… Und die Beschäftigung mit der integralen Landkarte scheint da besonders anfällig zu machen für so manche Selbstüberschätzung…

Was das Finden des eigenen Platzes angeht, so ist es aus meiner Sicht in der Tat umso schwieriger, je mehr wir Neuland betreten. Wenn „Wege entstehen, in dem man sie geht“, wie Kafka gesagt hat, so sind es zunächst eben nur Trampelpfade, und es gehen nicht ganz viele mit uns. Und wenn uns ab und an mal ein einsamer Wanderer begegnet, der seinem eigenen Weg folgt, so haben wir oft nicht einmal eine gemeinsame Sprache, in der wir uns verständigen könnten. Da ringen wir dann um Worte, stottern und stammeln, und hoffen auf ein wenig Geduld und Verständnis, während wir darauf warten, dass die Worte wachsen… So wie bei Momo, nach dem gleichnamigen Roman von Michael Ende, die ein ganzes Jahr bei Meister Hora bleiben musste, damit die Worte wachsen konnten, mit denen sie ihren Freunden davon erzählen konnte.

Die deutsche Übersetzung des Thinking at the Edge Prozesses von Eugene Gendlin heißt so treffend „Wo Worte noch fehlen“. Da haben wir nur unseren Felt Sense, dass da noch etwas ist, und wir können schauen, ob unsere Worte diesen Felt Sense vorwärts tragen oder nicht…

Ja, und es ist einsam auf diesen Wegen. Und solange wir es nicht gelernt haben, einander so zu begegnen, wie Rilke sagt, wie „zwei Einsamkeiten, die einander schützen, grenzen und grüßen“, so ist es oft viel einfacher sich in vordergründigen Gemeinsamkeiten zu verlieren, und sei es in einer gemeinsamen Landkarte… Und wenn wir dann enttäuscht feststellen, dass das Studium der Landkarte uns nicht zu besseren Menschen gemacht hat, dann können wir uns abwenden und weiter suchen, oder wir erkennen, dass die einzige für uns relevante Aussage der Landkarte doch die ist, dass wir uns in neues Gelände wagen müssen, Gelände, das eben noch nicht von den Kartographen des Bewusstseins ausgemessen wurde, für das eben die „Worte noch fehlen“…

Und ja, es gibt diese Momente der gemeinsamen Ausrichtung, die Momente, wenn unsere Herzen sich berühren und zu etwas Größerem zusammenfinden. Und wenn wir das erleben, so ist uns die Landkarte doch ganz egal… Und wenn wir es wieder verlieren, so versuchen wir auf der Landkarte die Gründe dafür zu finden. Doch die liegen nicht auf der Landkarte… Das, was wir da erleben, ist für uns und für die Menschheit noch so neu, dass wir die Pioniere sind, die die Wege zu diesem Bewusstsein erst bahnen müssen. Und das braucht all unsere Achtsamkeit, und unser Mitgefühl mit uns selbst und denen, die da in demselben Gelände auf ihrem ganz eigenen Weg unterwegs sind.

Hier noch einmal Rilke, den ich in einer solchen Stimmung immer wieder gerne lese:

„Wir wissen wenig, aber daß wir uns zu Schwerem halten müssen, ist eine Sicherheit, die uns nicht verlassen wird; es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; daß etwas schwer ist, muß uns ein Grund mehr sein, es zu tun.

Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

Darum können junge Menschen, die Anfänger in allem sind, die Liebe noch nicht: sie müssen sie lernen. Mit dem ganzen Wesen, mit allen Kräften, versammelt um ihr einsames, banges, aufwärts schlagendes Herz, müssen sie lieben lernen.

Lernzeit aber ist immer eine lange, abgeschlossene Zeit, und so ist Lieben für lange hinaus und weit ins Leben hinein -: Einsamkeit, gesteigertes und vertieftes Alleinsein für den, der liebt. Lieben ist zunächst nichts, was aufgehen, hingeben und sich mit einem Zweiten vereinen heißt (denn was wäre eine Vereinigung von Ungeklärtem und Unfertigem, noch Ungeordnetem -?), es ist ein erhabener Anlaß für den einzelnen, zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werden, Welt zu werden für sich um eines anderen willen, es ist ein großer, unbescheidener Anspruch an ihn, etwas, was ihn auserwählt und zu Weitem beruft.“

Und wenn unsere Projekte Ausdruck dieser Liebe werden sollen, so müssen wir wohl durch diese Schule hindurchgehen. Nach dem Abschluss meiner Projektmanagement-Ausbildung bin ich gerade dabei eine Form der Integralen Projektentwicklung zu konzipieren. Und dabei beschäftigt mich insbesondere, wie wir die Innenseite – sowohl individuell wie auch kollektiv – integrieren können, um aus der Ausrichtung auf etwas Höheres als unsere Ego-Wünsche miteinander wachsen und kreieren zu können. Näheres dazu bald…

Und so schließe ich für jetzt mit Rumi:

„In diesem Spiegelkabinett
siehst du eine Menge Dinge.
Reibe dir die Augen!
Nur du allein bist da.“

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The following emerged as an answer to a comment for my latest blog post:

Yes, I know this burning and pulling feeling a lot, experience it again and again when my serious endeavors to create a mutual space with others were doomed to failure again. Or when I see that projects that started with so many good ideas, hopes, wishes, visions and above all good intentions collapse or do not realize the full potential that was in them… Or when my partner is telling me again that he needs some distance from me…

Yellow painted groups: From my view there are no yellow groups just as little as there are green groups or orange or blue ones, and even less than there are yellow individuals. On the one hand the whole integral map is a gross generalization, a view from 10,000 meters (about 30,000 feet) altitude. Therefore it is no good for describing the development of a single human being in short fractions of time. What I have seen again and again: Development is a rather messy affair… If we really could determine a center of gravity – and I have to admit that I doubt it – then a yellow center of gravity merely means that all structure stages up till yellow can be found within us. And there will always be situations in which these structures can be activated, this is totally normal. The difference to someone with a center of gravity at the blue level is merely that we can always take a step back (most of the times after the event) and perceive what’s going on. We are no longer identified with it, and are able to watch ourselves (and make it an object).

The way I see it: If we don’t manage to learn to appreciate and love all those aspects within ourselves and others (as our mirrors), we will get stuck there in an endless Hall of Mirrors. Or like Krishnamurti said: “Relationship is the mirror, in which we can see ourselves the way we are.” And sometimes we would rather like to shatter the mirror… And groups with yellow paint on them, in the real world or the virtual, provide us with a wonderful realm for practicing… And the preoccupation with the integral map seems to make us especially prone to the overestimation of our own capabilities…

What the finding of one’s own place in the world is concerned, it is indeed more difficult the more we enter uncharted territories. If “Paths are made by walking”, like Kafka has said, these paths are mere trails, and there are not many with us. If we meet a lonesome wanderer once in a while that travels his own path, we don’t often have a mutual language to communicate with each other. There we are at a loss for words, we stutter and stammer, and hope for some patience and understanding, while waiting for the words to grow within us… Like the girl Momo (after the corresponding novel by Michael Ende) who had to stay a whole year with Master Hora in order to grow the words to tell her friends about her experiences.

The German translation for the Thinking at the Edge Process by Eugene Gendlin is called so accurately “Where words are still missing”. There we only have our Felt Sense that there is something more, and we can see how our words carry forward the Felt Sense or not…

Yes, it is lonely on these paths. And as long as we haven’t learned to meet each other, like Rilke said, like “two solitudes that protect and touch and greet each other”, it is often so much easier to lose ourselves in superficial mutuality, be it a mutual map… And when we discover deeply disappointed that the studies of the map didn’t make us a better person, we can digress and search further, or we can realize that it is the only relevant statement of the map that we have to dare to enter uncharted territory, territory that hasn’t been measured by the cartographers of consciousness, for that the “words are still missing”…

And yes, there are moments of mutual alignment; moments when our hearts touch and we come together for something bigger. And when we experience that, the map doesn’t matter… But once we lose it again, we are trying to find the reasons on the map… What we experience is so new for us and the whole of humanity that we are the pioneers that have to blaze the trail to this consciousness. And this needs all our attention, and our compassion for ourselves and those who are in the same territory with us on their own paths.

Here again Rilke that I like to read when I am in a mood like this:

“We know little, but that we must trust in what is difficult is a certainty that will never abandon us; it is good to be solitary, for solitude is difficult; that something is difficult must be one more reason for us to do it. It is also good to love: because love is difficult. For one human being to love another human being: that is perhaps the most difficult task that has been entrusted to us, the ultimate task, the final test and proof, the work for which all other work is merely preparation. That is why young people, who are beginners in everything, are not yet capable of love: it is something they must learn. With their whole being, with all their forces, gathered around their solitary, anxious, upward-beating heart, they must learn to love. But learning-time is always a long, secluded time ahead and far on into life, is – ; solitude, a heightened and deepened kind of aloneness for the person who loves. Loving does not at first mean merging, surrendering, and uniting with another person (for what would a union be of two people who are unclarified, unfinished, and still incoherent – ?), it is a high inducement for the individual to ripen, to become something in himself, to become world, to become world in himself for the sake of another person; it is a great, demanding claim on him, something that chooses him and calls him to vast distances.”

And if our projects shall become expressions of such love, it seems like we need to go through such a learning time. After the completion of my training as a project manager I have started to design a new form of Integral Project Development. And I am especially concerned with the integration of the inside – individually as well as collectively – to be able to grow and create with each other through the alignment to something higher. More about this coming soon…

For now I close with Rumi:

“In this Hall of Mirrors
You see many things.
Rub your eyes!
Only you alone are there.”

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